Kleider machen Leute?

Da sitzen sie am Podium: drei Herrn im Anzug. Mit Krawatte – versteht sich. Der eine Politiker, der andere Geschäftsführer und der dritte Research Director. Namhafte Leute und Vollprofis in ihrem Metier. Ach und da sitzt noch ein vierter Herr, aber nicht Anzug, nein der trägt eine gelbe Hose, ein kariertes Oberteil und einen Hut! Oh, und Wanderschuhe.

Die vier Herren verbindet an diesem späten Vormittag ein besonderes Thema: das Vorlesen. Ist es noch zeitgemäß? Lesen Eltern ihren Kindern vor? Ist es überhaupt wichtig?

Die drei im Anzug beten gekonnt ihren Text runter und halten artig ihre Zeitvorgabe ein. Sie sind schließlich Profis. Die anwesenden Journalisten blättern nachdenklich in den vorgelegten Unterlagen, machen sich vereinzelt Notizen oder schauen verstohlen auf die Uhr – das Mittagessen ist nicht mehr weit. Die Anzugherren sprechen druckreif, jedes Wort sitzt, auch wenn sie dabei keine bahnbrechenden Erkenntnisse verraten.

Dann wird das Wort an den letzten Redner übergeben. Der Herr mit Hut erhebt sich aus seiner gemütlichen Sitzposition und beginnt mit höflichem Dank an den Veranstalter für die Einladung zu sprechen. Kaum startet er sein Plädoyer, verändert sich auch die Haltung der Journalisten, sie schauen aus den Unterlagen auf, weil das Spannende womöglich doch nicht darin zu erspähen ist, sondern sich auf dem Podium abspielt. Die Stifte huschen zackiger übers Papier und die Armbanduhr wird wieder zum unwichtigen Schmuckstück.

Der Mann da vorne hat was zu sagen. Er prangert an, dass in den Familien beim gemeinsamen Essen viel zu wenig gesprochen wird. Er stellt fest, dass man bei einer Gruppe von Kindern anhand des Wortschatzes, des Wissens und der sozialen Kompetenz merkt, welche Kids es sind, die einen Bezug zu Büchern haben. Und als er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der anwesenden Zuhörer gewiss ist, betont er, dass Geschichten unverzichtbar seien. Wir verarbeiten dabei das Erlebte, denn gerade bei schwierigeren Themen sei es leichter, eine Geschichte zu erzählen oder (vor-) zu lesen.

Wie wahr! Meine Gedanken überschlagen sich, schnell greife auch ich zum Stift, um seine Worte festzuhalten. Womöglich sind es doch SEINE Aussagen, die als druckreifes Zitat durchgehen? Wer hätte das gedacht! Da redet der, der sich erlaubte, „underdressed“ zu kommen, die edlen Herren an die Wand?

Sein Enthusiasmus trifft die Zuhörer mitten ins Herz und so schnell er die Aufmerksamkeit zuvor gewinnen konnte, so schnell gibt er sie freiwillig an einen der Herren im Anzug zurück. Er hat seine Redezeit als einziger bei weitem nicht ausgenützt. Und dennoch: Es ist alles gesagt, wozu also herumschwafeln?

Während die Journalisten noch ihre Fragen stellen, sitze ich fasziniert da und erinnere mich: Es ist nicht das erste Mal, dass der Spruch „Kleider machen Leute“ versagt hat!

2 Kommentare zu “Kleider machen Leute?

  1. Melanie Pignitter

    Das ist eine tolle Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Was bedeutet schon das Außen und nimmt es nicht eh jeder individuell wahr. Gehört es nicht auch zum Außen, dass der Herr in gelb gut reden kann. Egal – was zählt ist zum Schluss, was er ist, denkt, sagt und wie er Menschen bewegt.
    Danke dir für den schönen Beitrag, lg

    1. Sarah Autor des Beitrags

      Liebe Melanie, danke für deinen Kommentar. Stimmt, das Außen nimmt jeder anders wahr und der Mann in Gelb berührte die meisten Anwesenden, was den anderen nicht so gut gelang. lg Sarah

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