Vorurteile? Ich doch nicht!

Wie das eben so ist, wenn man anderen eine Freude bereitet – man ist selbst nicht ganz so motiviert und sitzt dann in meinem Fall etwas unbeholfen im Theater. Meine Familie und ich hatten das Stück nämlich danach ausgesucht, was meiner Uroma (90+) am besten gefallen könnte. Wir haben uns fürs Weiße Rössl entschieden. Sie war noch nie im neu gebauten Theater und wir schenkten ihr die Karte zu Weihnachten. Leider gab es nur 4 Plätze nebeneinander und ich erbarmte mich und nahm den fünften Platz ein paar Reihen weiter vorne. (Um das gleich noch festzuhalten: Ich bin kein Kulturbanause, war schon des Öfteren im Theater.)

Als wir hinkamen und ich den Blick über die großteils bereits besetzten Plätze schweifen ließ, beschlich mich ein etwas mulmiges Gefühl: Waren hier tatsächlich alle 60+?

Behutsam nahm ich meinen Platz zwischen einem grauhaarigem Herrn und einer weißhaarigen Dame direkt hinter einem glatzköpfigen Mann ein. Verstohlen sah ich nach links und rechts, ob ich wohl bis zum Beginn des Stückes mein Handy zücken dürfe, um noch schnell ein paar Fotos von der Bühne machen zu können und um mich unbedingt zu vergewissern, ob es auch ja auf lautlos war.

Ich konnte keine entrüsteten Blicke ausmachen, steckte es pünktlich wieder weg und die Operette begann. Das unangefochtene Highlight des ersten Teils war ein kleiner selbst fahrender Zug, der für einen entzückten Aufschrei unter dem Publikum sorgte als wäre dieses Gefährt der höchste Ausdruck menschlicher Erfindungskraft und Genialität.

Ansonsten musste ich fast desillusioniert feststellen, dass es diesem berühmten Stück irgendwie an Handlung fehlt. Zumindest das Bühnenbild war farbenfroh mit viel Schnickschnack, allerdings wurden beispielsweise Kussszenen maximal angedeutet. Ich konnte leider nicht behaupten, dass mich die Inszenierung gefesselt hätte.

Der Pausengong war fast schon eine Erlösung. Wie üblich tauschten wir uns über unsere Eindrücke aus. Meist kann vor allem ich es kaum erwarten, meine Meinung los zu werden und die der anderen zu hören. Meine Uroma machte mich jedoch kurz sprachlos. Sie meinte: „Es ist schon ziemlich modern inszeniert.“

Ich erwiderte, dass ich es im Vergleich zu den bisherigen Stücken, die ich sah, eher altmodisch fand. Meine Mutter wies mich drauf hin, dass man das Weiße Rössl in schwarz-weiß gewohnt war. Davon hatte ich immerhin schon mal gehört 😉

Die Pause endete und wir pilgerten zurück auf unsere Plätze. Soeben überlegte ich, ob ich erneut mein Handy herausfassen sollte, um damit die restliche Wartezeit zu überbrücken. Da sprach mich der grauhaarige Herr links neben mir an und fragte höflich: „Wie sagt Ihnen die Inszenierung zu?“ Mir fiel leider keine wertschätzende Antwort ein, also erklärte ich diplomatisch, das Weiße Rössl zuvor noch nie gesehen zu haben, weder im Theater noch im Fernsehen noch sonst wo und dass es meine erste Operette war. Darum wäre es schwer einen Vergleich zu ziehen. Zu meiner großen Überraschung wendete sich der Herr aber nicht enttäuscht ab, ob so viel geballter Unwissenheit. Er blickte mich weiter interessiert an und wartete, ob ich noch mehr dazu sagen wollte. Ich stammelte dann, dass es mir nicht so gefalle, weil mir zu wenig Handlung sei und brachte die Meinung meiner Uroma, dass es sehr modern dargebracht sei.

Der betagte Herr wirkte an meinen Ansichten ehrlich interessiert. Er stimmte meiner Uroma zu, denn er empfände sie auch als zu modern und fand das sogar unnötig, weil ja das Publikum eh alt sei, da müsse man es nicht krampfhaft auf jüngere Zuseher abstimmen. Er war durchaus in Redelaune und verriet, die Karte „geerbt“ zu haben und nur zufällig hier zu sitzen.

Ich möchte betonen, dass er zu keinem Zeitpunkt des Gesprächs belehrend oder in irgendeiner Form überheblich wirkte oder mir zu verstehen gab, dass er mich für ungebildet hielt. Ich war beschämt, dass ich erwartet hatte, die älteren Menschen würden mich hier als dumm oder unerzogen ansehen und sicherlich Vorurteile mir gegenüber haben. Da wurde mir bewusst, dass ich diejenige war, die Vorurteile hatte und ihnen die ganze Zeit unterstellt hatte, mich wegen meines Handykonsums und meines Alters geringzuschätzen. Es sollte wohl eher ICH künftig offener sein.

2 Kommentare zu “Vorurteile? Ich doch nicht!

  1. Melanie Pignitter

    So schön aus dem Leben gegriffen!
    Ein toller Beitrag, der Bewusstheit schafft – zumindest bei mir. Ich bin ebenso ein Mensch, der die Welt der Gedanken und Gefühle liebt. Das ist wohl der Grund, warum ich deinen Beitrag nun aufmerksam las und mich darin wiederfand. Ich halte mich für sehr reflektiert und dennoch wäre es mir wohl ähnlich wie dir ergangen bei diesem „Theaterstück“
    Lieben Dank für die Inspiration bezüglich Vorurteile
    herzlichen Gruß Melanie – http://www.honigperlen.at

    1. Sarah Autor des Beitrags

      Danke für deinen Kommentar!
      Ja, das Leben selbst ist eben immer der größte Lehrer und schreibt die besten Geschichten 😉
      lg Sarah

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